Post aus dem Atelier

Fünfzehn Leinwände hatten andere Pläne

Mit den fünfzehn kleinen Leinwänden wollte ich zu viel.

Das lässt sich im Nachhinein ziemlich einfach sagen.

Sechs sollten zusammengehören. Neun auch. Gleichzeitig sollte jedes Bild allein funktionieren. In meinem Kopf klang das durchaus vernünftig. Auf dem Tisch war es dann etwas schwieriger.

Ich habe gedreht, verschoben und immer wieder neu angefangen. Irgendwann standen die kleinen Figuren so ordentlich verteilt, dass die ganze Sache plötzlich wie Würfelpunkte aussah.

Das war nun wirklich nicht der Plan.

Die sechs Leinwände fanden zuerst ihre Anordnung. Als sie vor mir lagen, sah ich darin ein Konstrukt. Nicht, weil ich genau das vorher hatte malen wollen. Die Bedeutung kam erst, als ich das fertige Gefüge sah.

So ist es bei meinen Bildern öfter. Ich weiß nicht immer vorher, was sie erzählen. Manchmal erfahre ich es ungefähr gleichzeitig mit allen anderen. Nur dass ich anschließend noch mit Farbe und Strukturpaste danebensitze.

Bei den neun Bildern war es anders.

Die erste Fassung hatte klare, harte Kanten. Eine Freundin sagte, sie sehe darin Schmerz. Fast wie Bewegungen mit der Handkante – zack, zack, zack. Etwas wird abgetrennt.

Da war es eigentlich schon ziemlich deutlich.

Ich habe später neue Struktur darübergelegt. Nicht, weil die frühere Arbeit falsch war. Sie war mir nur zu unmittelbar geworden.

Verschwunden ist sie dadurch nicht. Unter dem Weiß bleiben Kanten, Risse und Farbreste sichtbar. Manche deutlich, andere nur noch, wenn das Licht richtig fällt.

Deshalb heißt die Arbeit Überdeckt.

Aus den fünfzehn Leinwänden sind zwei eigenständige Werke entstanden: Konstrukte und Überdeckt.

Nicht so, wie ich es geplant hatte.

Aber wenigstens auch keine Würfelpunkte.

 

Hainewalde, 9.8.26

Noch vor dem ersten Gezwitscher

Noch vor dem ersten Gezwitscher

Kurz vor fünf war ich wach.

Noch vor den Vögeln.

Draußen war es vollkommen still. Erst angenehm. Dann fast schon wieder unheimlich.

Irgendwann stellte ich mir vor, wie die ganzen Schlawiner in der Hecke sitzen, mich beobachten und nur auf ihren Startschuss warten.

Alle schön nebeneinander.
Alle mit dem Blick zur Treppe.

Und dann war ich in meinem Kopf plötzlich selbst dabei. Im Bademantel, leicht nach vorn gebeugt, den hintersten Vogel fragend:

„Ey, auf wen wartet denn ihr?“

Der Gedanke hätte dort enden können.

Tat er natürlich nicht.

Er wurde erst eine Skizze und dann eine 100 × 50 Zentimeter große Leinwand. Mit Struktur, Rissen, viel Weiß und nur wenig Blaugrau und Ocker.

Zwischendurch geriet das Bild an eine Stelle, an der es mir zu freundlich wurde. Die Frau und die Vögel waren da, aber die Ruhe drohte mit Harmlosigkeit verwechselt zu werden.

Also kam verdünntes Gesso darüber. Manche Konturen wurden leiser, einige Flächen verschwanden wieder ein Stück und die Oberfläche durfte unruhiger werden.

Die Frau blieb.

Die Vögel auch.

Inzwischen hängt das Bild an der Wand.

Vielleicht zeigt sich an seiner Entstehung besonders deutlich, warum Atelierfreiheit und Schattenfliegerin zusammengehören.

Das eine findet seine Form in Bildern.
Das andere in Texten.

Beides beginnt oft an derselben Stelle: bei einer kleinen Beobachtung, die eigentlich nur kurz durch den Kopf gehen wollte und sich dann weigert, wieder zu verschwinden.

Manchmal wird daraus ein Satz.

Manchmal eine Leinwand.

Und manchmal offenbar beides.

 

 

Hainewalde, 2.8.26

Die letzte Schicht

Ich dachte, die Bilder wären fertig.

Dann blieb noch die letzte Schicht.

Nicht nur als Schutz.

Sondern als Teil des Bildes.

Der innere Raum sollte das Licht anders annehmen als der äußere.

Nicht lauter.

Nicht heller.

Nur anders.

Je nachdem, wo man steht.

Je nachdem, wie das Licht fällt.

Diese Arbeiten sind neu für mich.

Und gleichzeitig nicht ganz.

Leinwand war einmal mein Ausgangspunkt.

Später kamen die Aquarelle dazu.

Mit ihnen habe ich gelernt, wie viel Raum ein Bild lassen kann.

Jetzt nehme ich dieses Wissen mit auf die Leinwand.

Nicht als Rückkehr.

Eher als Weiterarbeit mit einem Material, das schon einmal da war.

Papier bleibt.

Die Leinwand kommt wieder dazu.

Und vielleicht ist genau das auch mit der Oberfläche passiert.

Es ging nie darum, ob sie glänzt.

Sondern darum, ob sie etwas erzählen kann.

Manche Räume verändern sich nicht.

Sie zeigen sich nur anders.

Warum es Atelierfreiheit gibt

Atelierfreiheit ist nicht entstanden, weil ich unbedingt eine Marke gründen wollte.
Es ist entstanden, weil meine Bilder irgendwann einen eigenen Ort brauchten.
Einen Ort, an dem sie nicht erst erklären müssen, warum sie da sind. An dem sie nicht lauter, glatter oder eindeutiger werden müssen, damit man sie ernst nimmt. Und an dem ich selbst nicht jedes Mal vorsorglich hinzufüge, dass es vermutlich noch nicht reicht.
Zum Zeichnen zurückgefunden habe ich immer wieder über das Auge.
Lange war es einfach das Motiv, zu dem ich zurückkehren konnte, wenn alles andere zu weit weg war. Ich konnte ein Auge zeichnen, auch wenn ich noch nicht wusste, was daraus werden sollte. Irgendwann wurde daraus mehr: Das Auge war nicht mehr nur etwas, das schaut. Es wurde zu einem inneren Raum.
Darin tauchten kleine Figuren auf.
Sie stehen, sitzen, warten oder bewegen sich durch große Flächen. Oft sind sie so klein, dass der Raum beinahe zu viel für sie wird. Aber sie verschwinden nicht vollständig.
Vielleicht geht es in meinen Bildern genau darum.
Nicht darum, einen Zustand sauber zu erklären. Sondern darum, ihm eine Form zu geben, in der er bestehen darf. Abstand, Nähe, Rückzug, Überforderung, ein wenig Stand, manchmal eine Öffnung. Dinge, die in Worten schnell zu eindeutig werden und im Bild trotzdem offen bleiben können.
Die Bilder sind persönlich. Aber sie sind keine Tagebucheinträge.
Sie erzählen keine vollständige Geschichte und liefern keine Gebrauchsanweisung für das, was man darin sehen soll. Sie entstehen aus etwas Eigenem, sollen aber nicht dort eingeschlossen bleiben. Der Raum im Bild gehört irgendwann nicht mehr nur mir.
Atelierfreiheit ist deshalb auch der Versuch, meiner Arbeit diesen Raum wirklich zu geben.
Nicht nur zwischen Mappen, Papierstapeln und der üblichen inneren Diskussion darüber, ob das alles nicht vielleicht doch ein wenig lächerlich ist. Sondern sichtbar. Mit Titeln, Reihen, einer Website und der Möglichkeit, dass jemand davor stehen bleibt.
Das klingt nach außen vermutlich sachlicher, als es sich innen anfühlt.
Denn sichtbar zu werden bedeutet auch, nicht mehr allein darüber zu entscheiden, ob etwas trägt. Es bedeutet, dass Menschen weitergehen können. Dass sie nichts damit anfangen können. Dass sie es mögen, speichern, ansehen – oder kaufen könnten.
Könnten ist dabei bislang ein wichtiger Verwaltungsbegriff.
Aber Atelierfreiheit besteht nicht nur aus dem, was bereits bestätigt wurde.
Es besteht auch aus einem Vertrauensvorschuss in mich selbst.
Aus dem Satz:
Ich gebe meiner Arbeit die Chance, ernst genommen zu werden – zuerst von mir.
Das heißt nicht, dass der Zweifel verschwunden ist. Er hat weiterhin Zugang zum Gebäude und erscheint regelmäßig ohne Termin.
Aber er ist nicht mehr allein zuständig.
Atelierfreiheit ist für mich kein Ort, an dem plötzlich alles frei ist. Es ist eher ein Raum, in dem etwas bleiben darf, obwohl es noch unsicher ist. In dem Offenheit nicht automatisch als Unfertigkeit gilt. Und in dem ein Bild keine akademisch klingende Geburtsurkunde braucht, bevor es Kunst sein darf.
Ich weiß nicht genau, wohin das führt.
Aber die Arbeiten sind da. 

Der Raum auch.

 

 

Hainewalde, 02.07.26
 

 

Gemäß § 19 UStG wird keine Umsatzsteuer berechnet.

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.