Schattenfliegerin.schreibt
Nicht alles, was mich beschäftigt, wird zu einem Bild.
Manches braucht Worte.
Schattenfliegerin ist der Ort für diese Texte.
Sie entstehen aus derselben Haltung wie Atelierfreiheit – erzählen aber auf ihre eigene Weise weiter.
Ein eigener Ort
Es gibt Dinge, die werden bei mir zu Bildern.
Eine kleine Figur in einem großen Raum. Eine Schwelle. Ein Blick. Eine Linie, an der jemand stehen bleibt.
Und es gibt Dinge, die werden nicht zu Bildern.
Sie bleiben im Alltag liegen.
Zwischen einem Kopf, der bereits drei Schritte weiter ist, und einem Körper, der den aktuellen noch nicht genehmigt hat. Zwischen dem Wunsch, dabei zu sein, und dem Bedürfnis, die Tür für eine Weile zu schließen. Zwischen sehr vielen Ideen und einer auffällig begrenzten Zahl verfügbarer Betriebskräfte.
Für die Bilder gibt es Atelierfreiheit.
Für das andere gibt es jetzt Schattenfliegerin.
Nicht als Gegenwelt. Auch nicht als besonders dunkle Abteilung, in der fortan ausschließlich bei schlechtem Licht über das Leben nachgedacht wird.
Eher als eigener Raum.
Ein Ort für Texte über das Leben mit Rückzug, begrenzter Kraft und einem Kopf, der sich davon nur mäßig beeindrucken lässt.
Mein Kopf kann morgens eine neue Lebensordnung entwerfen, mittags mehrere Vorhaben gleichzeitig eröffnen und am Nachmittag überrascht feststellen, dass der Körper für heute bereits Schluss gemacht hat.
Kopf und Körper haben nicht dieselbe Buchhaltung.
Der Kopf führt Ideen als Einnahmen.
Der Körper verbucht sie als Aufwand.
Eine einheitliche Abrechnung konnte bislang nicht hergestellt werden.
Es gibt Tage, an denen ich viel denke und wenig tue.
Tage, an denen ein Telefonat reicht.
Tage, an denen etwas Schönes trotzdem zu viel Kraft kostet.
Und Tage, an denen ich nach außen kaum sichtbar bin, obwohl innen keineswegs Ruhe herrscht.
Rückzug sieht von außen oft nach Leere aus.
Dabei ist er manchmal schlicht der Versuch, nicht vollständig zu verschwinden.
Das soll hier Platz haben.
Nicht als lückenloses Tagebuch. Nicht als öffentliche Beweisführung darüber, wie schwer etwas wirklich ist. Und auch nicht als Sammlung möglichst eindrucksvoller Zustände.
Ich möchte nicht alles erklären.
Manches lässt sich ohnehin besser über das beschreiben, was es im Alltag verändert.
Wie lange ein Weg plötzlich werden kann.
Wie viel Vorbereitung ein einfacher Termin benötigt.
Wie eigenartig es ist, Menschen zu vermissen und gleichzeitig keine Kraft für ihre Nähe zu haben.
Wie man dazugehören möchte, ohne ständig anwesend sein zu können.
Wie ein Kopf voller Pläne nicht automatisch bedeutet, dass ausreichend Kraft für ihre Durchführung vorhanden ist.
Und wie trocken die innere Verwaltung auf all das reagieren kann.
Der Vorgang wird geprüft.
Die zuständige Stelle ist derzeit nicht besetzt.
Eine abschließende Bewertung kann aufgrund allgemeiner Erschöpfung nicht vorgenommen werden.
Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.
Der Humor wird hier bleiben.
Nicht, weil alles halb so schlimm wäre.
Sondern weil manche Dinge sich nur aushalten lassen, wenn man ihnen gelegentlich einen übertrieben sachlichen Vermerk anheftet.
Humor macht die Schwere nicht kleiner.
Er setzt nur einen Stuhl daneben.
Atelierfreiheit und Schattenfliegerin gehören beide zu mir.
Aber sie haben unterschiedliche Aufgaben.
Atelierfreiheit fragt:
Was wird daraus in der Kunst?
Schattenfliegerin fragt:
Wie lebt es sich damit?
Manchmal werden sich die Antworten berühren.
Die Kunst wird hier vorkommen, weil sie zu meinem Leben gehört. Aber sie muss nicht jeden Text retten. Nicht jeder Zustand muss am Ende eine Bildidee ergeben. Nicht jede schwere Erfahrung braucht eine schöne Form, damit sie bleiben darf.
Manches darf einfach beschrieben werden.
Unfertig.
Widersprüchlich.
Mit Rückzug, begrenztem Außendienst und gelegentlich sehr viel innerem Verkehr.
Vielleicht wird es hier um Familie gehen.
Um Zugehörigkeit.
Um das Gefühl, gleichzeitig nah und weit weg zu sein.
Um die merkwürdige Erfahrung, dass man sich nach Menschen sehnen und dennoch eine geschlossene Tür benötigen kann.
Um Tage, an denen die Welt nicht dramatisch zusammenbricht, aber trotzdem kaum zu bewältigen ist.
Um das Weitergehen, auch wenn es von außen nicht immer danach aussieht.
Und wahrscheinlich um die innere Sachbearbeitung.
Sie ist schließlich bereits da.
Schattenfliegerin soll kein Ort werden, an dem alles schwerer gemacht wird.
Aber auch keiner, an dem die Schwere vorsorglich freundlich verpackt werden muss, damit niemand sich unwohl fühlt.
Hier darf sie stehen.
Mit trockenem Humor.
Mit offenen Fragen.
Und ohne akademisch klingende Geburtsurkunde.
Ich weiß noch nicht genau, wie regelmäßig ich schreiben werde.
Regelmäßigkeit ist ohnehin ein Begriff, den meine innere Verwaltung gern verwendet, ohne ihn mit dem tatsächlichen Betriebsablauf abzustimmen.
Aber der Raum ist eröffnet.
Für das Leben hinter den Bildern.
Für das, was nicht immer sichtbar ist.
Und für die Frage, wie man dazugehören, weiterdenken und manchmal sogar lachen kann, obwohl die Kraft nicht zuverlässig mitarbeitet.
Vermerk:
Die neue Zuständigkeit wurde eingerichtet.
Eine vollständige Funktionsfähigkeit kann nicht zugesichert werden.
Der Betrieb wird dennoch aufgenommen.
Hainewalde, 01.07.26
Plädoyer für das Familienwochenende
Einmal im Jahr. Mit Fellbeilage.
Ich bin für Familienwochenenden.
Nicht jeden Monat. Man sollte Entscheidungen, die sämtliche familiären Beziehungen betreffen, mit einer gewissen verwaltungstechnischen Zurückhaltung treffen.
Aber einmal im Jahr.
Ein Wochenende, an dem möglichst viele von denen zusammenkommen, die zu dieser Familie gehören.
Nicht alle sind auf dieselbe Weise hineingekommen. Manche durch Geburt, manche durch Liebe, manche durch gemeinsame Jahre und manche durch den stillen Vorgang, irgendwann einfach selbstverständlich mitgedacht zu werden.
Mit Töchtern, Schwiegersohn und Schwiegertochter.
Mit Menschen, die später dazugekommen sind und trotzdem keinen Platz am Rand haben.
Familie wächst schließlich nicht nur dort, wo Namen in geraden Linien untereinanderstehen. Sie wächst auch über geteilte Zeit, Verlässlichkeit und die Entscheidung, jemanden nicht als Ergänzung, sondern als Teil des Ganzen zu sehen.
Sie bleibt dabei nicht immer vollständig.
Menschen fehlen. Manche Lücken schließen sich nicht, und das sollen sie auch nicht. Was verloren gegangen ist, gehört weiterhin zur Geschichte einer Familie.
Aber auch das, was später wächst, gehört vollständig dazu.
Nicht als Ersatz.
Nicht als nachträglicher Anbau.
Sondern mit einem eigenen, festen Platz.
Dann gibt es noch die Fünfzehnjährigen.
Mit fünfzehn besteht Familiennähe häufig darin, sich für mehrere Stunden zurückzuziehen und bei einer zufälligen Begegnung im Flur durch ein kurzes Geräusch die weitere Existenz zu bestätigen.
Das gilt nicht als Austritt aus dem Familienverband.
Es handelt sich offenbar um eine altersgerechte Form der Anwesenheit.
Auch die Fellabteilung gehört selbstverständlich dazu. Sie stellt keine Fragen zur Verwandtschaftslinie, beansprucht dafür aber frühzeitig Schlafplätze und hinterlässt auf sämtlichen Textilien einen dauerhaften Anwesenheitsnachweis.
Und dann bin da noch ich.
Mit einem Kopf, in dem fast ständig irgendetwas entsteht.
Eine Idee. Ein Plan. Ein Satz. Etwas, das noch erledigt, verändert, aufgeschrieben oder wenigstens vorsorglich vollständig durchdacht werden könnte.
Mein Kopf kann an einem Nachmittag mehrere Vorhaben eröffnen, drei neue Zusammenhänge entdecken und nebenbei beschließen, dass nun dringend eine grundsätzliche Neuordnung erforderlich ist.
Der Körper hat dazu gelegentlich eine abweichende Stellungnahme.
Kopf und Körper haben nicht dieselbe Buchhaltung.
Wenn die anderen wandern gehen, bleibe ich deshalb vielleicht zurück.
Nicht, weil ich nicht mit ihnen sein möchte. Sondern weil die tausend Dinge im Kopf oft mehr Kraft verbrauchen, als man ihnen von außen ansieht.
Vielleicht sitze ich dann mit einem Kaffee vor dem Haus.
Vielleicht schreibe oder zeichne ich etwas.
Vielleicht tue ich auch einfach eine Weile gar nichts Sichtbares.
Später kommen die anderen zurück und erzählen.
Ich war nicht auf derselben Strecke unterwegs und habe den Tag trotzdem mit ihnen verbracht.
Ein Familienwochenende müsste deshalb kein Gemeinschaftstest sein.
Niemand müsste ständig dasselbe tun.
Die einen können wandern gehen. Andere bleiben zurück. Jemand liest. Jemand schläft. Jemand redet. Jemand schreibt oder zeichnet. Jemand benötigt WLAN und eine geschlossene Tür.
Später sitzen vielleicht alle wieder am selben Tisch.
Oder zumindest die meisten.
Die Fellabteilung sitzt ohnehin bereits darunter.
Vielleicht bedeutet Zugehörigkeit nicht, jede Strecke gemeinsam zurückzulegen.
Vielleicht bedeutet sie, dass niemand seinen Platz verliert, nur weil er einen anderen Rhythmus hat. Weil er später hinzugekommen ist. Weil er sich zurückzieht. Weil er gerade weniger Nähe aushält. Oder weil sein Kopf bereits drei Räume weiter ist, während der Körper noch im vorherigen sitzt.
Man kann verbunden bleiben, ohne jede Strecke gemeinsam zu gehen.
Man kann sich zurückziehen, ohne zu verschwinden.
Und man kann dazugehören, ohne sich erst an den Rhythmus der anderen anpassen zu müssen.
Familie ist kein lückenloses Gruppenfoto.
Sie besteht aus verschiedenen Lebenswegen, aus Anwesenheit und Abwesenheit, aus Nähe, die manchmal Abstand braucht, und aus Menschen, die einander trotzdem einen festen Platz geben.
Deshalb bin ich für ein Familienwochenende.
Einmal im Jahr.
Mit freiwilliger Wanderbeteiligung, anerkannten Rückzugsräumen, tausend Ideen und Fellbeilage.
Nicht, um zu beweisen, dass wir besonders harmonisch sind.
Sondern um für ein Wochenende sichtbar zu machen, was im Alltag leicht zwischen verschiedenen Haushalten, Terminen, Kräften und Lebenswegen verschwindet:
Wir gehören zusammen.
Nicht alle auf dieselbe Weise.
Aber niemand nur am Rand.
Vermerk:
Der Antrag auf jährliche Zusammenführung des erweiterten Familienbestandes wurde eingereicht.
Zugehörigkeit hängt nicht davon ab, auf welchem Weg jemand Teil einer Familie geworden ist, ob jemand zwischendurch Rückzug braucht oder ob alle dieselbe Strecke gemeinsam gehen.
Rückzug gilt nicht als Austritt aus der Familie.
Wanderungen werden als freiwilliger Außendienst geführt.
Im Kopf bereits vollständig entwickelte Zusatzvorhaben stehen unter dem Vorbehalt körperlicher Genehmigung.
Für alle ist ein Platz vorgesehen.
Hainewalde, 02.07.26
Der Ferienjob
Zwei Wochen Altenpflege
Meine Tochter hat ihren ersten Ferienjob angefangen.
Zwei Wochen.
Altenpflege.
Ausgerechnet dort.
In einem Bereich, der für mich einmal mehr war als Arbeit. Eher ein Wunsch. Vielleicht sogar eine Vorstellung davon, wo ich richtig sein könnte.
Bei Menschen.
Im Helfen.
In einem Alltag, in dem Nähe nicht theoretisch bleibt, sondern morgens um sieben schon am Bett steht und fragt, ob jemand aufstehen möchte.
Für sie ist es jetzt erst einmal etwas anderes.
Ein erster Ferienjob.
Eigenes Geld.
Ein Dienstplan.
Menschen, die sie noch nicht kennt.
Aufgaben, die plötzlich nicht mehr nur zu Hause oder in der Schule stattfinden, sondern in einem echten Betrieb.
Sie geht dort hin und ist nicht mehr nur Tochter, Schülerin, Jugendliche.
Für ein paar Stunden ist sie jemand, der gebraucht wird.
Jemand, der mithilft.
Jemand, der einen Unterschied machen kann, auch wenn dieser Unterschied vielleicht nur darin besteht, freundlich zu sein, etwas zu holen, zuzuhören oder nicht genervt zu wirken.
Vielleicht ist das einer der ersten leisen Schritte ins Erwachsenwerden.
Nicht groß angekündigt.
Nicht mit Urkunde.
Eher mit Arbeitskleidung, frühem Aufstehen und der Frage, ob das Geld am Ende wirklich auf dem eigenen Konto landet.
Ich sehe das und bin stolz.
Nicht dieser laute Stolz, der sofort Fotos machen und allen erzählen möchte, wie großartig das eigene Kind ist.
Eher einer, der kurz still wird.
Weil da jemand losgeht.
In ein Stück eigenes Leben.
Mit eigenen Eindrücken.
Eigenen Begegnungen.
Eigenem Blick auf die Welt.
Und gleichzeitig sitzt in mir ein alter Teil, der bei dem Wort Altenpflege sofort die Akten öffnet.
Nicht vorsichtig.
Eher vollständig.
Ich weiß, wie schön diese Arbeit sein kann.
Und ich weiß, wie sehr sie an Grenzen führen kann.
Ich weiß, wie viel Würde in einem guten Handgriff liegen kann.
In Geduld.
In einem Moment, in dem jemand nicht nur versorgt, sondern gesehen wird.
Und ich weiß auch, wie verzweifelt man werden kann, wenn das System nicht genug trägt, was es täglich von Menschen verlangt.
Wenn Pflege funktionieren soll, obwohl zu wenig Zeit da ist.
Zu wenig Personal.
Zu wenig Ruhe.
Zu wenig Bereitschaft, wirklich etwas zu verändern.
Es wird viel gemeckert.
Über Schichten.
Über Zustände.
Über Menschen, die nicht mitziehen.
Über Entscheidungen, die irgendwo getroffen werden, nur nicht dort, wo später die Körper müde sind.
Und trotzdem bleibt oft alles erstaunlich betriebsbereit.
Nicht, weil es gut läuft.
Sondern weil irgendjemand es auffängt.
Immer wieder.
Ich habe erlebt, wie Menschen in diesem Beruf sehr viel geben.
Und ich habe erlebt, wie nicht alle am selben Strang ziehen.
Manche ziehen.
Manche halten nur fest.
Manche stehen daneben und erklären, warum das Seil schon immer schwierig war.
Und irgendwann merkt man, dass man nicht nur mit alten Menschen arbeitet.
Sondern auch mit einem System.
Mit Erwartungen.
Mit Erschöpfung.
Mit Kolleginnen und Kollegen.
Mit Dingen, die man nicht allein ändern kann, obwohl sie jeden Tag durch die eigenen Hände gehen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem mein Stolz eine zweite Stimme bekommt.
Die erste sagt:
Wie schön, dass sie das erlebt.
Dass sie merkt, wie es ist, gebraucht zu werden.
Dass sie eigenes Geld verdient.
Dass sie anderen Menschen begegnet.
Dass sie vielleicht spürt, dass Hilfe nicht klein ist.
Die zweite sagt:
Pass auf.
Nicht, weil ich ihr Angst machen will.
Sondern weil ich weiß, dass diese Arbeit an Stellen führt, an denen man sich selbst leicht zu spät bemerkt.
Weil Helfen manchmal so gut klingt, dass niemand fragt, was es kostet.
Weil man gerade in der Pflege schnell lernt, durchzuhalten.
Auch dann, wenn eigentlich jemand sagen müsste:
So geht das nicht.
Und trotzdem möchte ich ihr diesen Weg nicht wegnehmen.
Vielleicht wird es nur ein Ferienjob.
Zwei Wochen.
Ein erster Eintrag im eigenen Arbeitsleben.
Vielleicht wird es eine Erfahrung, von der sie später erzählt, ohne dass sie eine Richtung daraus macht.
Vielleicht merkt sie aber auch, dass dort etwas ist, das sie berührt.
Dass sie das kann.
Dass sie dort eine Art von Sinn findet, die nicht künstlich hergestellt werden muss.
Und falls das ihr Weg wird, werde ich sie unterstützen.
Nicht blind.
Nicht mit romantischem Blick auf einen Beruf, der sich seine Romantik oft sehr teuer bezahlen lässt.
Aber mit Respekt.
Weil sie nicht meinen alten Schmerz erben muss.
Und auch nicht meine Grenzen.
Ich darf wissen, was mich daran verzweifeln ließ.
Ich darf sehen, wo dieses System hinkt.
Ich darf skeptisch sein, wenn etwas zu schön erzählt wird.
Und trotzdem muss ich ihr zutrauen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen darf.
Vielleicht ist das Elternsein an dieser Stelle besonders seltsam.
Man sieht das Kind losgehen.
Und in einem selbst gehen alle alten Türen auf.
Man möchte warnen.
Schützen.
Erklären.
Am liebsten gleich eine vollständige Risikoanalyse beilegen.
Mit Anlagen.
Mit Schichtplan.
Mit persönlicher Stellungnahme aus früherer Überforderung.
Aber sie geht nicht in meine Vergangenheit.
Sie geht in ihre zwei Wochen.
In ihren ersten Ferienjob.
In eine Erfahrung, die ihr gehören darf.
Ich darf danebenstehen.
Stolz.
Wachsam.
Ein bisschen wund.
Und mit dem Versuch, nicht aus meiner Geschichte heraus ihre zu verwalten.
Hainewalde, 16.07.26
Die Aussicht meint es persönlich
Ich sitze auf meinem Balkon und schaue auf ein Altersheim.
Nicht auf das Heim, in dem ich gearbeitet habe. Das wäre vermutlich selbst meinem Leben ein bisschen zu plump gewesen. Aber eben doch auf ein Altersheim. Direkt gegenüber.
Gebaut wurde es ungefähr in der Zeit, in der mir langsam klar wurde, dass ich aus meinem Beruf aussteigen muss. In einem Dorf mit etwa 800 Einwohnern.
Dafür gibt es bestimmt eine vollkommen vernünftige statistische Erklärung. Ich kenne sie nur nicht. Deshalb bleibe ich vorerst bei meiner eigenen Theorie: Mein Leben hat einen ausgeprägten Sinn für Kulissen.
Damit die Aussicht nicht zu einseitig wird, steht hinter einem Baum noch ein kleines Haus. Darin befindet sich die Praxis meiner Zahnärztin.
Natürlich war die Praxis früher woanders.
Sie ist erst später hierhergezogen. Vermutlich wollte sie sich ihren Platz in meinem persönlichen Panorama sichern.
Meine Zusammenarbeit mit Zahnärzten begann früh und wurde gegen meinen Willen ziemlich eng. Mit elf hatte ich bereits den ersten kaputten Zahn. Zu DDR-Zeiten kamen die Zahnärzte direkt in die Schule und verteilten Amalgamfüllungen notfalls auch in Schneidezähnen.
Danach folgten viele Jahre mit Entzündungen, Zahnarztterminen und Kronen.
Die kurze Fassung lautet also: Eine Zahnarztpraxis ist für mich kein vollkommen neutrales Gebäude.
Der Witz liegt allerdings nicht in dem, was damals passiert ist. Er liegt in der Anordnung.
Vor mir das Altersheim. Hinter dem Baum die Zahnärztin. Dazwischen sitze ich auf meinem Balkon und trinke Kaffee, als hätte jemand meine Biografie genommen und daraus ein etwas zu deutliches Bühnenbild gebaut.
Früher hätte ich dort vermutlich einfach Gebäude gesehen. Heute sehe ich Zusammenhänge, Erinnerungen und eine Vergangenheit, die sich offenbar weigert, unauffällig am Rand zu stehen.
Vielleicht entsteht genau daraus diese besondere Form von Humor. Nicht, weil etwas harmlos gewesen wäre. Auch nicht, weil man im Nachhinein über alles lachen muss.
Sondern weil sich manchmal erst mit Abstand zeigt, wie absurd das Ganze angeordnet ist.
Die Vergangenheit verschwindet dadurch nicht. Aber ich sitze heute nicht mehr mitten in ihr. Ich betrachte sie von meinem Balkon aus.
Gleiche Gebäude. Andere Perspektive.
Wobei ich gegen einen See als Aussicht trotzdem nichts einzuwenden hätte.
Hainewalde, 9.8.26
Gedankenaustausch. Mit Sicherheitsausstattung.
Ich wollte über Daseinsberechtigung sprechen.
Nicht darüber, ob ich noch da sein möchte.
Sondern darüber, warum sich das Dasein manchmal anfühlt, als müsste ich es täglich neu beantragen.
Das ist ein Unterschied.
Zumindest für mich.
Ich wollte erzählen, wie schnell aus
„Diese Idee funktioniert nicht“
in meinem Kopf
„Ich funktioniere nicht“
wird.
Wie aus einem misslungenen Bild plötzlich ein fehlerhaftes Leben entsteht.
Und aus einem schlechten Gedanken ein grundsätzlich falsches Ich.
Schwer auszuhalten, sagte ich.
Das war offenbar das Stichwort.
Der Gedanke war noch nicht einmal vollständig ausgesprochen, da bekam ich bereits mehrere Notfallnummern um den Hals geworfen.
Gut gemeint.
Selbstverständlich.
Nur hing ich nun da, vollständig ausgestattet für eine Krise, die ich gar nicht hatte.
Mein eigentlicher Gedanke stand währenddessen etwas abseits.
Er hätte gern noch erklärt, wie anstrengend es ist, sich das eigene Dasein immer wieder verdienen zu wollen.
Aber inzwischen trug das Gespräch eine Warnweste.
Vielleicht ist Zuhören manchmal schwerer als Absichern.
Man muss einen Gedanken kurz aushalten, ohne ihn sofort irgendwohin zu überweisen.
Manche Gedanken wollen nicht gerettet werden.
Sie möchten nur einmal zu Ende gedacht werden.
Hainewalde, 13.8.26