Bilder mit Stimme

Wenn Bilder eine Stimme bekommen

Manche Bilder beginnen mit einem Gedanken, der zuerst ein Text war.

Andere bekommen ihre Geschichte erst, nachdem sie längst entstanden sind.

Hier treffen die Texte der Schattenfliegerin auf die Bilder von Atelierfreiheit.

Zu jedem Werk gibt es den vollständigen Text – zum Lesen oder von mir selbst gesprochen zum Anhören.

Nicht als Erklärung des Bildes.

Sondern als eine weitere Möglichkeit, ihm zu begegnen.

Noch vor dem ersten Gezwitscher

Kurz vor fünf war ich wach.

Noch vor den Vögeln.

Draußen war es vollkommen still. Erst angenehm. Dann fast schon wieder unheimlich.

Irgendwann stellte ich mir vor, wie die ganzen Schlawiner in der Hecke sitzen, mich beobachten und nur auf ihren Startschuss warten. Alle schön nebeneinander. Alle mit dem Blick zur Treppe.

Und dann war ich in meinem Kopf plötzlich selbst dabei. Im Bademantel, leicht nach vorn gebeugt, den hintersten Vogel fragend:

„Ey, auf wen wartet denn ihr?“

Der Gedanke hätte dort enden können.

Tat er natürlich nicht.

Er wurde erst eine Skizze und dann eine 100 × 50 Zentimeter große Leinwand. Mit Struktur, Rissen, viel Weiß und nur wenig Blaugrau und Ocker – wie der frühe Morgen, kurz bevor draußen alle gleichzeitig anfangen.

Manche Bilder entstehen aus einem großen Thema.

Dieses entstand, weil es draußen verdächtig still war.

 


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Der Ordnerbaum

 

Früher hieß das Mindmap.

Das klang nach Papier, bunten Linien und einem Mittelpunkt, von dem aus alles irgendwie zusammenhing.

Heute heißt es Ordnerbaum.

Das klingt nach Ordnung.

Nach Ebenen.

Nach einem System, in dem jedes Ding seinen Platz hat und sich wiederfinden lässt.

Mein Kopf hat dieses Versprechen offenbar missverstanden.

Er legt für jeden Gedanken ein eigenes Fach an.

Und in jedes Fach noch eines.

Eine Erinnerung führt zu einer Frage.

Die Frage zu einem Satz, den jemand vor Jahren gesagt hat.

Der Satz zu einem Gefühl, für das es damals keinen Namen gab.

Das Gefühl öffnet eine weitere Tür.

Dahinter wieder Regale.

Wieder Schubladen.

Wieder etwas, das ich längst abgelegt glaubte.

Ich gehe hinein, weil ich nur kurz etwas nachsehen wollte.

Dann verliere ich den ersten Gedanken zwischen den anderen.

Nicht plötzlich.

Eher langsam.

So, wie man in einem großen Gebäude irgendwann nicht mehr weiß, durch welche Tür man gekommen ist.

Alles sieht vertraut aus.

Und trotzdem führt nichts zurück.

Manchmal stehe ich mitten in diesem inneren Archiv und spüre, wie die Gedanken gleichzeitig nach mir greifen.

Jeder hält sich für dringend.

Jeder möchte zuerst verstanden werden.

Und ich versuche noch immer, ordentlich zu bleiben.

Ich beschrifte.

Ich sortiere.

Ich verschiebe.

Als könnte eine bessere Ablage verhindern, dass mich das Ganze überfordert.

Aber manche Gedanken wollen nicht abgelegt werden.

Sie kehren zurück.

Sie stehen plötzlich in einem anderen Fach.

Oder liegen quer über allem, was gerade wichtig wäre.

Dann sitze ich da und weiß nicht mehr, ob ich nach einer Antwort gesucht habe oder nur nach einem Ort, an dem für einen Moment nichts weiter aufgeht.

Mein Kopf ist kein Mindmap.

Er ist ein Ordnerbaum, der weiterwächst, während ich noch versuche, den ersten Ast zu verstehen.

Fach für Fach.

Ebene für Ebene.

Bis aus Ordnung Tiefe wird.

Und aus Tiefe ein Ort, an dem ich mich selbst kaum noch finde.

Nur irgendwo zwischen all den abgelegten Dingen bleibt die Hoffnung, dass das, was ich suche, noch da ist.

Nicht verschwunden.

Nur sehr gründlich einsortiert.

 


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Unauffällig mit acht Leinwänden

Die Leinwände hätte ich natürlich im Internet bestellen können.

Dann wären sie bis an die Haustür gekommen.

Wahrscheinlich mit der Postfrau.

Mir tut die Postfrau aber immer so leid.

Acht Leinwände.

Siebzig mal fünfzig Zentimeter.

Bis an meine Haustür.

Das wollte ich ihr nicht antun.

Außerdem gehe ich gern selbst in den Laden.

Was nach der Sache mit dem heimlichen Tierheim vielleicht nicht die vernünftigste Begründung ist.

Also stand ich irgendwann dort.

Eine große Frau.

Ein großer, voller Rucksack.

Und acht Leinwände im Format siebzig mal fünfzig Zentimeter.

Ich bin auch ohne zusätzliches Material nicht besonders gut darin, mich unsichtbar zu machen.

Mit Rucksack wird es schwieriger.

Mit acht Leinwänden praktisch aussichtslos.

Trotzdem versuchte ich, möglichst unauffällig zu sein.

Zuerst in der Straßenbahn.

Dann auf dem Weg zur Therapie.

Danach wieder zurück zum Bahnhof.

Und schließlich im Zug.

Die Leinwände waren die ganze Zeit dabei.

Acht große Rechtecke, die ziemlich eindeutig darauf hinwiesen, dass ich nicht nur kurz eine Farbe gekauft hatte.

Ich versuchte, möglichst wenig Platz einzunehmen.

Mein Rucksack war gegen dieses Vorhaben.

Die Leinwände ebenfalls.

Vielleicht hätte ich sie doch bestellen sollen.

Dann dachte ich an die Postfrau.

Und trug sie weiter.

Am Ende war die Zuständigkeit eindeutig verteilt.

Die Postfrau hatte ihre Ruhe.

Die Leinwände kamen mit mir nach Hause.

Und ich blieb so unauffällig, wie eine große Frau mit vollem Rucksack und acht Leinwänden in öffentlichen Verkehrsmitteln eben sein kann.

Nämlich gar nicht.
 


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Stuhltanz am Bahnsteig

Die volle Zugfahrt beginnt in Dresden.

Eigentlich schon vorher.

Mit der Frage:

Kommt er allein?

Oder bringt er einen zusätzlichen Triebwagen mit?

Das ist keine nebensächliche technische Information.

Davon hängt ab, wie die nächsten Stunden werden.

Dann kommt er.

Allein.

Natürlich.

Schon am Hauptbahnhof stehen genug Menschen, um die weitere Entwicklung ungefähr abschätzen zu können.

Und sobald der Zug hält, beginnt der Stuhltanz.

Die Türen gehen auf.

Alle wollen rein.

Drängeln.

Drücken.

Möglichst schnell zu den Sitzplätzen.

Ich fand das lange furchtbar.

Dieses Theater um einen Sitzplatz.

Also habe ich mich einfach hingestellt.

Sollten die anderen doch machen.

Ich wollte nur nach Hause.

Das Problem an dieser sehr erwachsenen Haltung war mein Körper.

Der hatte nach einem langen Tag irgendwann eine abweichende Meinung.

Stehen war nicht edler.

Stehen tat einfach weh.

Also änderte ich meine Strategie.

Inzwischen fahre ich bis zum Hauptbahnhof.

Nicht weil der Weg dadurch kürzer wird.

Sondern weil dort die erste Runde beginnt.

Wenn schon Stuhltanz, dann wenigstens mit einer realistischen Chance.

Denn die Regeln sind einfach:

Wenn die Tür aufgeht und du sitzt nicht, ist der Stuhl weg.

Also mache ich inzwischen mit.

Ich drängle nicht plötzlich begeistert durch Menschenmengen.

Aber ich setze mich hin, wenn ich einen Platz bekomme.

Auch das musste ich offenbar erst lernen.

Ich bin schwer.

Das bedeutet, dass neben mir weniger Platz übrig bleibt.

Das weiß ich.

Wenn sich trotzdem jemand neben mich setzt und mit dem verbleibenden Platz auskommt:

Bitte.

Wenn nicht:

Auch gut.

Aber ich stehe deshalb nicht mehr vorsorglich die ganze Fahrt.

Hat man einen Sitzplatz ergattert, ist der Stuhltanz allerdings noch nicht vorbei.

Er ändert nur die Choreografie.

Dann sitzt man klebend aneinander.

Schulter.

Arm.

Bein.

Persönlicher Abstand ist im Fahrpreis offenbar nicht enthalten.

Aber gut.

So ein Tanz ist schließlich anstrengend.

Für zusätzliche Unterhaltung sorgt die Klimaanlage.

Sie kennt im Wesentlichen drei Zustände.

Kaputt.

Eiskalt.

Oder sie tropft einem Kühlwasser in den Nacken.

Die angenehme Einstellung existiert vermutlich auch.

Ich habe sie nur noch nicht kennengelernt.

Manchmal steige ich später mit Halsschmerzen aus.

Aber immerhin sitzend.

Man wird bescheiden.

Am Ende möchte ich schließlich nur nach Hause.

Und dafür muss ich inzwischen eben tanzen.

Am Bahnsteig.

Um einen Stuhl.

 


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Horde Stiere

Drei Jahre.

So lange hat er auf einen Startplatz gewartet.

Dann verkauft plötzlich einer seinen.

Und er bekommt ihn.

Einfach so.

Wobei „einfach so“ vermutlich die falsche Formulierung ist, wenn man vorher drei Jahre gewartet hat.

290 Starter.

Zwei davon Deutsche.

Einer davon meiner.

Seitdem wird vorbereitet.

Natürlich wurde vorher schon trainiert.

Aber ein Startplatz verändert offenbar die Lage.

Jetzt ist es offiziell.

Das Fahrrad wird geputzt.

Nicht sauber gemacht.

Geputzt.

Die Hardware wird geprüft.

Eingestellt.

Nochmal geprüft.

Dinge werden besprochen, bei denen ich irgendwann nur noch verständnisvoll gucke, weil ich nicht weiß, ob wir noch über ein Fahrrad reden oder inzwischen ein Raumfahrtprogramm vorbereiten.

Dann die Klamotten.

Was zieht man an?

Was nimmt man mit?

Was braucht man vielleicht?

Was braucht man vielleicht doch nicht?

Was wiegt das?

Irgendwann werden Trinkflaschen gewogen.

Trinkflaschen.

Weil jedes Gramm, das man nicht den Berg hochschleppt, ein gutes Gramm ist.

Offenbar.

Es entsteht eine Ordnung, die beinahe beruhigend wirkt.

Rad fertig.

Hardware fertig.

Klamotten fertig.

Flaschen fertig.

Training gemacht.

Startplatz da.

Alles, was sich vorbereiten lässt, wird vorbereitet.

Und trotzdem bleibt da diese eine Frage.

Hält der Kopf?

Denn den kann man nicht nochmal schnell einstellen.

Keine Schraube nachziehen.

Nichts austauschen.

Keine leichtere Version bestellen.

Hält der Kopf?

Sonntagmorgen stehen sie dann im Stadion.

Fahrräder sauber.

Klamotten gewählt.

Flaschen gefüllt.

Gramm gespart.

Beine trainiert.

Eine Horde Stiere kurz vorm Loslassen.

Und vermutlich hat jeder auf irgendeine Art seine eigene Frage dabei.

Schaffe ich das?

War das Training genug?

Hätte ich noch mehr machen müssen?

Was, wenn die Beine nicht wollen?

Was, wenn ich nicht will?

Drei Jahre kann man auf einen Startplatz warten.

Monate kann man trainieren.

Man kann Hardware optimieren und Trinkflaschen wiegen.

Aber irgendwann ist alles vorbereitet, was sich vorbereiten lässt.

Dann fällt der Start.

Und dann hilft erstmal kein Gramm mehr.

Hält der Kopf?

Wenn ja,

sind die Beine dran.

 


Mischtechnik auf Leinwand · 70 × 50 × 2 cm · 2026
Privatbesitz · nicht verkäuflich

 

 

Gemäß § 19 UStG wird keine Umsatzsteuer berechnet.

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